Theorie und Praxis einander näher bringen

Wenn ich nicht gerade am PC sitze und auf der Tastatur herumtippe, sitze ich oft an der Orgel und haue dort in die Tasten.

Die Ausbildung zur Kirchenmusikerin im Nebenamt habe ich berufsbegleitend absolviert. Neben dem Literaturspiel und der Choralbegleitung auf der Orgel waren unter anderem Musiktheorie, Gehörbildung, Chorleitung, Liturgie und Kirchenmusikgeschichte Teil meiner Ausbildung. Eine Ausbildung, die einen relativ gut auf die Praxis vorbereitet. Aber ohne wirklich Gottesdienste musikalisch zu begleiten, kann man eben in der Praxis kein guter Organist werden. Selbst heute, nach vielen Gottesdiensten und fleissigem Üben fühle ich mich manchmal noch wenig professionell. Ich brauche eben noch mehr Praxis.

Wenn der Gottesdienst schief läuft

Einer meiner ersten Gottesdienste, ich war noch Orgelschülerin, lief gehörig schief. Es war Sonntag Kantate. Es war eine fremde Gemeinde und eine Orgel, die ich nicht kannte. Der amtshabende Organist war kurzfristig ausgefallen. Auf die Schnelle war kein Ersatz zu finden. Also sagte ich in leichthin zu.

Anstatt einen Chor mit einer Kantate in den Gottesdienst einzubinden, hatte die Pfarrerin einfach viele Lieder ausgewählt, damit sollte die Gemeinde das Singen übernehmen. Sogar das Vater Unser sollte gesungen werden. Morgens vorm Gottesdienst, es fand auch eine Erwachsenentaufe statt, nannte sie mir spontan noch ein elftes Lied, das der Täufling sich gewünscht hatte.

Während des Gottesdienstes kam der Mesner hoch zu Orgel und bat mich, schneller zu spielen. In der Folge verspielte ich mich viel, drückte an der ungewohnten Orgel, die ich nicht kannte den falschen Knopf und die Orgel schwieg zeitweise. Absolutes Chaos, purer Stress.

Anstatt sich bei den Abkündigungen am Ende des Gottesdienstes für mein spontanes Einspringen zu bedanken und zu erwähnen, dass ich noch Schülerin war, machte sich die Pfarrerin grusslos aus dem Staub. Während ich weinend an der Orgel sass.

Von einem Pfarrer hätte ich mehr menschliche Grösse erwartet. Ein tröstendes Wort, eine aufmunternde Geste. Aber ein Pfarrer ist eben auch nur ein Mensch. Ein Mensch, mit Fehlern, Charakterschwächen und Problemen. – Wer weiss? Vielleicht hatte sie ein krankes Kind daheim, um das sie sich kümmern musste? Vielleicht war sie zu einer Familienfeier eingeladen, zu der sie schnell eilen wollte?

Der Theologe und die Praxis

Ich habe Susanne*, seit vielen Jahren meine liebe Freundin, seit einigen Jahren Pfarrerin an meinem Ort, gefragt, für wie wichtig sie die Praxis im Pfarrberuf bewertet. Sie sagt, die Verantwortung, die man als Pfarrer trägt, tragen darf, ist so hoch, dass man ihr ohne praktische Erfahrung nicht gerecht werden kann. Praxis ist also essentiell!

Eine weitere wichtige Anforderung an einen Studierenden der Theologie – aber natürlich auch später an einen Pastor oder Pfarrer im Dienst – ist die Bereitschaft, sich ständig menschlich und persönlich weiter zu entwickeln.

Susanne sagt:

«Vor allem in der Seelsorge muss man das eigene Verständnis von Trauer, Liebe und Glück reflektieren können. Wenn ich jemanden beerdigen muss aber eigene Trauer nicht bewältigen kann, ist das nicht gut. Das heisst nicht, dass ich nicht trauern darf. Die eigene Trauer muss jedoch verstanden und bedacht werden. Man muss sich dessen bewusst sein, dass man selbst trauert.»

Praxisbegleitung und Supervision

Die Supervision von Pfarrern und Pastoren im Dienst und Studierenden der Theologie im Praktikum ist also sehr wichtig. Deshalb legen die Aus- und Weiterbildungsangebote zum Beispiel der IGW in Zürich, neben den theoretischen Inhalten auch einen grossen Wert auf die Praxis. Das Studium der Praktischen Theologie an der IGW umfasst neben der Theorie an drei Tagen in der Woche auch zwei Tage Praxis und Praxisbegleitung. Darüber hinaus können sich Pastoren und Pfarrer im Kirchendienst an der IGW weiterbilden, um Kenntnisse und Kompetenzen zu vertiefen.

Nach der schrecklichen Gottesdiensterfahrung an diesem grässlichen Sonntag Kantate war ich übrigens kurz davor, meine Ausbildung abzubrechen. Ich wollte nie mehr einen Gottesdienst spielen. Ich habe mich jedoch zusammengerissen, fleissig geübt und meine praktische Orgelprüfung mit Bravour gemeistert.

Heute treibe ich die Gemeinde beim Singen lieber an, als Gefahr zu laufen, dass nochmal ein Mesner zur Orgel hochsteigt und mir sagt, dass ich schneller spielen soll.

Anmerkung der Autorin:

Die Worte «Pfarrer» und «Pastor» werden in diesem Text als geschlechtsübergreifender Begriffe verwendet und implizieren Pfarrer und Pastoren aller Geschlechter.

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